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Der dreckige Prinz

Es war einmal ein Prinz, der lebte in einem Schloss bei einem König und einer Königin. Eines Tages, als der Prinz noch sehr klein war, wollte er der Königin eine Freude machen. Er nahm ihr den Löffel aus der Hand und zeigte ihr, dass er schon selber essen konnte.

Da sagte die Königin: "Da schau, wie du ausschaust! Wie soll ich dich jetzt wieder sauber kriegen?"

Und sie schnappte den Königssohn, steckte seine Kleider in die Waschmaschine und ihn in die Badewanne, und da saß er nun in der Badewanne und war traurig.

Als er größer war, wollte er der Königin wieder eine Freude machen. Er ging in den Hof, wo beim Brunnen immer eine große Wasserlache war, und backte für die Königin einen wunderschönen Kuchen aus Sand und Matsch. Den brachte er der Königin. Als die Königin den schönen Kuchen sah, da sagte sie: "Ih, was bringst du mir da für Dreck ins Zimmer, schmeiß das sofort hinaus!"

Und sie schnappte den Königssohn, steckte seine Kleider in die Waschmaschine und ihn in die Badewanne, und da saß er nun in der Badewanne und war traurig.

Als er noch ein bisschen größer war, wollte er der Königin wieder eine Freude machen. Er malte für sie ein wunderschönes Bild von einem Ritter, der einen Drachen bekämpfte. Er malte den ganzen Tag an dem Bild, denn er machte alles ganz richtig mit Felsenhöhle und gefangener Jungfrau und Flammen, die aus dem Maul des Drachen kamen. Als er fertig war, und der Königin das Bild brachte, da sagte sie: "Um Himmels willen, wie hast du dich wieder hergerichtet! Wie soll ich nur die Farbe aus deinen Kleidern kriegen?"

Und sie schnappte den Königssohn, steckte seine Kleider in die Waschmaschine und ihn in die Badewanne, und da saß er nun in der Badewanne und war traurig.

Am Sonntag, wenn die anderen Königssöhne das Wasser des Lebens suchten oder von Feen verzaubert wurden oder Fußball spielten, da musste der kleine Königssohn mit dem König und der Königin und dem Onkel Herbert und der Tante Irmgard im Wald spazieren gehen. Und wenn er sagte: "Schau, eine Schatzhöhle, darf ich hingehen und den Schatz suchen?", dann sagte die Königin: "Nein, nein, wie du dann wieder ausschauen wirst, kommt nicht in Frage! Dann können wir mit dir wieder nicht ins Wirtshaus gehen!"

So war das mit dem Königssohn.

Eines Tages aber - eines Tages kam ein gewaltiger, böser Drache. Er bedrohte die Stadt und verlangte, dass man ihm jeden Tag einen Ochsen oder einen Stier zum Fressen brachte, sonst würde er die Stadt mit seinem Flammenatem verwüsten. Aber einmal im Jahr, an seinem Geburtstag, da wollte der Drache statt des Ochsen ein junges Mädchen haben.

Das ganze Königreich war in Angst und Schrecken, und als der Geburtstag des Drachen immer näher kam, da liefen alle jungen Mädchen davon und versteckten sich. Denn keine wollte sich von dem Drachen fressen lassen.

Da sagte sich der Königssohn: "Ich werde den Drachen besiegen und das Königreich retten. Dann wird die Königin endlich stolz auf mich sein."

Und der Königssohn nahm sein schärfstes Schwert, sattelte sein schnellstes Pferd, zog eine feuerfeste Rüstung an und ritt hinaus vor die Stadt.

"Bringst du mir ein junges Mädchen zum Fressen?" fauchte der Drache, als er den Königssohn daherreiten sah.

"Nein", rief der Königssohn, "ich bringe dir den Tod!" Und er ritt schnell auf den Drachen zu.

Es war ein harter Kampf, und das Blut spritzte nach allen Seiten. Aber schließlich besiegte der junge Königssohn den Drachen.

Er schnitt ihm den Kopf ab, brachte ihn der Königin und sagte: "Schau, ich habe das Königreich vom Drachen befreit!"

Als die Königin den Drachenkopf sah und die blutige Rüstung, da sagte sie: "Igitt, was schleppst du mir da für eine Schweinerei ins Haus! Schmeiß das sofort in den Mistkübel!"

Und sie schnappte den Königssohn, steckte seine blutige Rüstung in die Waschmaschine und ihn in die Badewanne, und da saß er nun in der Badewanne und war traurig.

Als die Leute hörten, dass der Drache besiegt war, da wollten sie ihren Befreier sehen. Und die jungen Mädchen kamen aus ihren Verstecken heraus und wollten ihn auch sehen.

Aber der Königssohn sagte traurig: "Ich mach mich eh immer nur dreckig. Drum geh ich nie mehr aus der Badwanne heraus."

Aber die Leute wollten ihn unbedingt sehen. Da mussten die Diener die ganze Badewanne mit ihm drin auf den Balkon tragen, und da saß er nun und winkte den Leuten zu.

Und als er König wurde, ließ er jeden Tag seine Badewanne in den Thronsaal tragen und regierte in der Badewanne. Und er wurde der sauberste König, den das Land je gehabt hatte.

Na also, das ist einmal eine saubere Geschichte!

Aber sie ist noch nicht zu Ende.

Der König war der sauberste König, den das Land je gehabt hatte. Er befahl allen seinen Untertanen, dreimal täglich in die Badewanne zu steigen und sechsmal täglich die Kleider zu wechseln. Er ließ sich sogar eine Reisebadewanne auf Rädern bauen. Darin reiste er durchs Land, und überall, wo er hinkam, mussten sich die Untertanen am Straßenrand aufstellen, und er kontrollierte, ob sie die Fingernägel geputzt, die Ohren gewaschen und saubere Unterwäsche angezogen hatten.

Aber nachts, sage ich euch, nachts hatte er die schrecklichsten Träume. Denn so sauber er auch tagsüber war, in der Nacht träumte er nur von Schmutz, Müll, Abfall, Schweinerei, Schlamm, Matsch, Gatsch und DRECK!

 

 

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Die Geschichte "Der dreckige Prinz" erschien ursprünglich als Bilderbuch im Thienemann Verlag mit Illustrationen von Joachim Luetke


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© 2007 Martin Auer