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Sechse kommen durch die ganze Welt

„Mein liebstes Märchen“, sagte ich zu Kim, „ist das von den Sechsen, die durch die ganze Welt kommen. Kennst du das schon?“

„Ja“, sagte Kim, „aber erzähl es trotzdem.“

„Wahrscheinlich erzähle ich es nicht ganz so, wie du es kennst. Man erzählt dieses Märchen in vielen Ländern, in allerhand Sprachen, und da habe ich mir meine eigene Art zusammengebastelt, dieses Märchen zu erzählen.

Bei uns fängt das Märchen so an: Es war einmal ein Mann, der verstand sich auf allerlei Künste. Er diente im Krieg dem König und hielt sich brav und tapfer. Aber als der Krieg zu Ende war, bekam er den Abschied und drei Heller Zehrgeld... So fängt auch ein anderes Märchen an, das vom Blauen Licht:

Es war einmal ein Soldat, der hatte dem König lange Jahre treu gedient. Als der Krieg aber zu Ende war und der Soldat der vielen Wunden wegen, die er empfangen hatte, nicht weiter dienen konnte, sprach der König zu ihm: „Du kannst heimgehen, ich brauche dich nicht mehr; Geld bekommst du weiter nicht, denn Lohn erhält nur der, welcher mir Dienste dafür leistete

Auch das Märchen vom Bruder Lustig fängt so an: Es war einmal ein großer Krieg, und als der Krieg zu Ende war, bekamen viele Soldaten ihren Abschied. Nun bekam der Bruder Lustig auch seinen Abschied, und sonst nichts als ein kleines Laibchen Kommisbrot und vier Kreuzer an Geld; damit zog er fort...

Daraus kann man schon sehen, dass es zur Zeit der Märchen auch nicht anders war als heute. Die Großen führen Kriege, und die Kleinen kriegen drei Heller dafür, wenn sie's nicht das Leben kostet. Aber ich wollte ja die Geschichte von den Sechsen erzählen. Der Mann, von dem in diesem Märchen die Rede ist, sprach also: „Wart, das lass ich mir nicht gefallen. Finde ich die rechten Leute, so soll mir der König noch die Schätze des ganzen Landes herausgeben.“ Er ging voll Zorn in den Wald und sah da einen, der drehte gerade fünf Bäume zusammen. „Was machst du da?“ fragte ihn der Mann. „Ich dreh mir einen Strick, dass ich das Bündel Holz da besser tragen kann.“

Und er drehte aus den fünf Bäumen einen Strick, band ihn so um fünfzig andere Bäume, riss die mit einem Ruck aus der Erde und lud sie sich auf die Schulter.

„Bist du ein freier Mann?“ fragte der Soldat. „Ich bin des Königs Holzfäller", sagte der Baumdreher, „und diene ihm schon das dritte Jahr, ohne Lohn dafür zu bekommen.“

„So geh mit und hol dir deinen Lohn“, sagte der Soldat. „Wir zwei sollten doch wohl durch die ganze Welt kommen.“ Nach einer Weile trafen sie einen, der lag auf den Knien, hatte die Büchse angelegt und zielte, aber die zwei konnten nicht sehen, wohin er zielte. Sagte der Soldat zu ihm: „Was treibst du da?“

„Ich bin des Königs Jäger, sagte der Schütze. „In der Stadt dort, auf dem Kirchturm, hat der Dachdecker einen Groschen liegen lassen, den schieß ich mir herunter und will dann hingehen und ihn aufheben. Denn der König hat mir keinen Lohn gezahlt seit dem Tag, an dem der Krieg angefangen hat. Es ist alles nur für die Armee aufgegangen !“

„So geh mit uns und hol dir deinen Lohn“, sagte der Soldat. „Wir drei sollten doch durch die ganze Welt kommen.“

Sie gingen weiter, da kamen sie zu einem, der hatte sein Ohr auf den Boden gelegt und horchte.

„Was machst denn du?“ fragte der Soldat.

„Ich war Soldat wie du und habe dem König als Horchposten gedient. Ich kann hören, wie das Gras wächst und wie der Floh in des Königs Bett hüpft. Jetzt horche ich, ob bald wieder ein Krieg kommt, damit ich wieder zu essen bekomme."

„Geh mit uns und las dich vom König auszahlen! Wenn wir viere zusammen sind, sollten wir wohl durch die ganze Welt kommen.“

Gar nicht lang, da sahen sie sieben Windmühlen, die drehten ihre Flügel, als ob sie davonfliegen wollten, und es war doch kein Lufthauch zu spüren. Da sahen sie sich um und erblickten auf einem Baum einen dürren Mann, der hielt sich ein Nasenloch zu und blies durch das andere die Windmühlen an. Dabei zerrte er ständig an dem Riemen, den er um den Leib hatte, und versuchte ihn noch enger zu ziehen.

„ Was schnürst du dich denn ?“ fragte der Soldat den Bläser.

„Ich treibe des Königs Windmühlen, und immer, wenn ich aussetzen will, um etwas zu essen, drohen die von der Mühle mir, ich solle weiterblasen. So schnalle ich mir den Gürtel enger, dass ich den Hunger nicht so spüren muss.“

„Geh mit uns und hol dir deinen Lohn", sagte der Soldat. „Wenn wir fünfe beisammen sind, sollten wir wohl durch die ganze Welt kommen.“ So gingen sie weiter und trafen einen, der hatte ein Hütchen auf, aber das saß ihm seltsam schief auf einem Ohr. Da sagte der Soldat zu ihm: „Was ist denn mit dir, häng deinen Hut doch nicht so auf ein Ohr, du siehst ja aus wie ein Hans Narr!“

„Ich muss es tun“, sagte der mit dem Hut, „denn setze ich meinen Hut gerade auf, dann kommt ein so starker Frost, dass die Vögel unterm Himmel erfrieren und tot auf die Erde fallen !“

„Dich haben wir noch gebraucht, sagte der Soldat. „Wenn wir sechse beisammen sind, so sollten wir wohl durch die ganze Welt kommen.“ Und so zogen sie zu sechst durch das Land, das war vom Krieg grausam verwüstet. Sie kamen durch Dörfer, darin standen die Häuser leer, und in den offenen Fenstern nisteten die Raben. Die Felder waren nicht bestellt, ganze Wälder waren abgebrannt, und sie gingen durch Kohle und Asche.

Da kamen sie zu einer halbverbrannten Eiche, daran hingen drei Männer, und Bauernweiber standen dabei und weinten.

„Was ist hier geschehen ?“ fragte der Soldat. Und eine der Frauen sagte, ohne ihn anzusehen: „Unsere Männer haben sich versteckt, damit sie nicht in den Krieg ziehen müssen. Am Tag sind sie unterm Heu gelegen, und in der Nacht haben sie gepflügt und geerntet, damit wir und die Kinder nicht verhungern müssen. Am letzten Tag des Krieges hat man sie gefunden und aufgehängt!" Da waren die sechse traurig und gingen weiter. Und sie kamen an einen Ort, da lag ein Mann neben einem frischen Grab und schrie. Sie fragten ihn, wer denn hier begraben sei, und er sagte:

„Meine Frau. In der letzten großen Schlacht des Krieges bin ich schwer verwundet worden. Mein Kamerad, der mit mir aus diesem Dorf gekommen war, hat mich aus der Ferne fallen gesehen und gemeint, ich sei tot. Als er heimgekommen ist, hat er es meiner Frau erzählt. Da hat sie geschrieen: Verflucht der Krieg und der König, der ihn angefangen hat! Das ist gehört worden, und sie haben ihr den Prozess gemacht als einer Hexe und sie verurteilt, lebendig begraben zu werden.“

So gingen die sechs durch das Land und sahen viel Elend und Grausamkeit. Und was sie sahen, bewahrten sie in ihrem Herzen. Schließlich kamen sie in die Hauptstadt. Dort ging es hoch her, alles feierte den gewonnenen Krieg. Denn in der Stadt hatte der König sein Schloss. Der Krieg hatte ihm eine neue Provinz eingebracht, die ihm Steuern zahlen musste. Und in der Stadt lebten die Kaufleute, die dem König die Waffen und Pferde und Rüstungen für seinen Krieg verkauft hatten; dort lebten die Offiziere, die bei den Plünderungen im feindlichen Land gute Beute gemacht hatten; und sie alle waren durch den Krieg reich geworden. Und weil sie viel Geld hatten, ließen viele sich neue Häuser oder kleine Schlösser bauen, kauften feine Kleider und teure Möbel, gutes Essen und Wein, und so bekamen auch die kleineren Leute, die Handwerker und Wirte und Bauern in der Stadt und ihrer Umgebung etwas ab von dem neuen Reichtum und freuten sich auch über den gewonnenen Krieg und vergaßen das Leid und Elend, das er gebracht hatte. Und es hieß, die Königstochter werde sich bald verheiraten. Aber wer um ihre Hand anhielte, der müsste ein Rätsel lösen.

„Das wollen wir uns einmal ansehen“, sagte der Soldat, und sie gingen zum Schloss. Dort zeigte man ihnen ein Kästchen und sagte ihnen: „Dieses Kästchen hat die Prinzessin mit der Haut eines Tieres überziehen lassen. Kann einer erraten, von welchem Tier, so will die Prinzessin ihn heiraten. Wer aber falsch rät, dem wird der Kopf abgeschlagen. Wenn ihr es wagen wollt, kommt morgen wieder und tut euren Spruch vor der Prinzessin.“ Da gingen sie wieder, und der Soldat sagte zu dem Horcher: „Kannst du hören, was auf dem Schloss gesprochen wird?“

Und der Horcher sagte: „Ich höre zwei Höflinge miteinander reden. Der eine fragt den anderen: Weißt du eigentlich, mit welchem Leder das Kästchen bezogen ist? Und der andere sagt: O ja, ich kann es dir verraten. Eines Tages hat die Prinzessin während der Messe eine Wanze an ihrem Hals gefunden. Sie hat ein Kästchen bauen lassen, und die Wanze da hineingesetzt. Jeden Tag hat sie das Tierchen, das sie so lieb gewonnen hat, mit ihrem eigenen Blut gefüttert, bis die Wanze so groß und fett geworden ist wie ein kleiner Hund. Als die Wanze starb, hat die Prinzessin sehr um sie getrauert. Sie hat ihr die Haut abziehen und gerben lassen, und damit ist das Kästchen überzogen.“

Am nächsten Morgen ging der Soldat zum König und zur Prinzessin und sagte: „Das Kästchen ist mit der Haut einer fetten Wanze überzogen. Wie steht's nun mit der Heirat?“

Da wurde die Prinzessin bleich und der König rot vor Zorn, dass ein einfacher, entlassener Soldat die Prinzessin heiraten sollte.

Aber dann fasste sich der König und sagte freundlich zum Soldaten: „Freilich, du hast gewonnen. Aber, Soldat, sag mir einmal deinen Namen und wo du geboren bist!“ Der Soldat sagte es ihm.

„Soldat, mir scheint, wir sind miteinander verwandt. Da muss zuerst an den Papst geschrieben werden, ob er die Heirat erlaubt. Komm in zwei Wochen wieder, ich will gleich an den Papst schreiben.“ Der Horcher hörte aber, wie der König seinem Sekretär den Brief an den Papst diktierte und ihn schreiben ließ, der Papst solle doch, bitte, die Erlaubnis verweigern.

Da schrieb der Soldat einen anderen Brief und schickte selber einen Boten damit zum Papst. Der Bläser aber musste sich am Weg aufstellen, und als der Bote des Königs geritten kam, blies ihm ein solcher Wind entgegen, dass er drei Tage lang ritt, ohne auch nur einen Schritt weiterzukommen. So kam der Bote des Soldaten früher zum Papst und ritt schon mit der Erlaubnis zur Heirat heim, als der Bote des Königs beim Papst ankam. Als der Papst den Brief las, schickte er sofort eine Brieftaube zum König mit einem Brief, worin er die Erlaubnis zurückzog. Doch der Jäger sah die Brieftaube schon von weitem und schoss, so dass sie ins Meer fiel. Der Soldat aber ging mit der Erlaubnis zur Heirat ins Schloss. Da ließ der König ihn mit seinen fünf Kameraden in einen Saal führen, wo Essen und Trinken für sie bereitstand. Der Saal war aber aus Eisen. Als sie drinnen waren, wurden alle Türen geschlossen und unter dem Saal ein gewaltiges Feuer angemacht. Den sechsen wurde es ganz warm, und sie meinten, das käme vom Essen und Trinken. Als aber die Hitze immer größer wurde, da merkten sie, welches Spiel der König mit ihnen spielte, und der mit dem Hütchen sagte: „Das soll ihm nicht gelingen“, setzte das Hütchen gerade auf und ließ einen Frost kommen, dass die Speisen an den Schüsseln festfroren. Nach ein paar Stunden ließ der König die Türen öffnen und wollte die Leichen sehen. Da kamen die sechse frisch herausspaziert und meinten, es sei ihnen lieb, sich endlich wärmen zu können. Da musste der König merken, dass die sechse mehr konnten, als Brotsuppe essen und fragte den Soldaten: „Willst du Gold nehmen und dein Recht auf meine Tochter aufgeben ?“

„Gebt uns so viel, wie einer von uns tragen kann, dann verlange ich Eure Tochter nicht“, sagte der Soldat. Der König war froh und stimmte zu. „In vierzehn Tagen kommen wir und holen das Gelds sagte der Soldat. Dann ließ er alle Schneider des Landes kommen, die nähten vierzehn Tage lang an einem Sack. Den nahm der Baumdreher, und der Sack war zusammengefaltet ein Packen, so groß wie ein Haus!

Als der König den Sack sah, erschrak er, und dachte: „Was wird der Gold wegschleppen!“ Er ließ eine Tonne Gold bringen, die mussten die stärksten Männer tragen, aber der Baumdreher nahm sie wie ein Federchen und leerte sie in den Sack. Da musste immer mehr und mehr herangebracht werden, schließlich war der ganze Schatz des Königs im Sack, und der Sack war noch nicht halb voll.

„Bringt nur, bringt nur, Ihr habt im Krieg genug verdient“, sagte der Starke.

Und es mussten siebentausend Wagen mit Gold aus dem ganzen Reich zusammengefahren werden, die schob der Baumdreher mitsamt den vorgespannten Ochsen in den Sack.

„Ich will's nicht lange besehen und nehmen, was kommt, damit der Sack nur voll wird“, sprach er dabei.

Als alles drin war und doch noch viel hineinging, da sagte er:

„Ich will dem Ding ein Ende machen, man bindet wohl einmal einen Sack zu, wenn er auch nicht voll ist.“ Dann huckte er den Sack auf den Rücken und ging mit seinen Gesellen fort.

Als der König nun sah, wie ein einziger Mann des ganzen Landes Reichtum mit sich forttrug, wurde er zornig und ließ seine ganze Reiterei aufsitzen, die sollten den sechsen nachjagen und dem Starken den Sack wieder abnehmen. Doch der Bläser ließ ihnen einen solchen Sturm entgegenwehen, dass sie alle in die blaue Luft davon stoben. Und so haben sich die sechse ihren Lohn geholt von dem König.“

„Ich hoffe nur, dass sie jetzt nicht alles für sich behalten haben“, sagte Kim.

„Das hätte ich mir auch gewünscht. Im Märchen heißt es freilich:

„Da brachten die sechs den Reichtum heim, teilten ihn unter sich und lebten vergnügt bis an ihr Ende.“ Aber mir scheint immer, in dem Märchen steckt ein Gleichnis. Vielleicht ist mit den sechsen sowieso das ganze Volk gemeint, das die schwersten Lasten auf seinem Rücken tragen, das alles hören und sehen und, wenn es sein muss, des Königs ganze Reiterei in die Luft blasen kann? Wenn die sechse nur zusammen sind, dann sollten sie wohl durch die ganze Welt kommen.“

„Tja, wenn!“ sagte Kim.

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Das Gedicht "Ich hatte einen Traum" ist abgedruckt in diesem Buch, das Amelie Fried herausgegeben hat: "Ich liebe dich wie Apfelmus. Mit CD. Die schönsten Gedichte für Kleine und Große"


"Sechse kommen durch die ganze Welt" ist abgedruckt in diesem Buch, das Paul Maar herausgegeben hat: "Östlich der Sonne und westlich vom Mond. Die schönsten Kindergeschichten"

Die Geschichte erschien ursprünglich in diesem Buch:


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© 2007 Martin Auer