Es war einmal vor langer, langer Zeit, so lange, dass es schon gar nicht mehr wahr ist, ein König. Der hatte einen Sohn, und der war ganz unbeschreiblich dumm.
Zum Beispiel hatte ihm sein Hauslehrer - er hatte natürlich einen Hauslehrer, der sich den ganzen Tag nur mit ihm beschäftigte -, sein Hauslehrer hatte ihm also mit Mühe beigebracht, dass zwei und zwei vier ist.
„Wir haben ja schon wunderbare Fortschritte im Rechnen gemacht, Königliche Hoheit“, sagte er zu dem Prinzen. „Nun wollen Sie doch die Güte haben, einmal das folgende kleine Problem zu überdenken: Wie viel ist wohl eins und drei?“
„Weiß ich nicht“, sagte der Prinz.
„Königliche Hoheit, so wollen Sie doch überlegen. Ein Finger und drei Finger, nun, wie viel macht das wohl, wenn wir nachzählen?“
„Weiß ich nicht“, sagte der Prinz.
„Königliche Hoheit, ich bitte Sie. Zählen Sie doch einfach nach: eins und drei ist vier!“
„Wieso?“ sagte der Prinz, „vier ist doch zwei und zwei, haben Sie vorhin gesagt!“
So einer war also der Prinz. Zwölf Jahre lang unterrichtete der Hauslehrer den Prinzen, und weil der Prinz ja der einzige in seiner Klasse war, konnte er nicht sitzen bleiben, sondern wurde jedes Jahr in die nächste Klasse versetzt. Schließlich sollte er die Reifeprüfung ablegen, und der König hatte befohlen, dass der Prinz die Reifeprüfung mit „sehr gut“ bestehen musste. Der Hauslehrer übte jeden Tag acht Stunden mit dem Prinzen, aber der Prinz hörte ihm nicht einmal zu, sondern drehte den Fernsehapparat auf, stierte hinein und fraß gedankenlos eine Schokolade nach der anderen. Schließlich kam der Tag der Prüfung, und der Hauslehrer bekam fast Schüttelfrost vor Angst. Vor einer Kommission von fünf Hochschulprofessoren, zwei Ministern, der Tante des Königs und dem König selber wurde die Prüfung abgehalten. „Beginnen wir mit der Mathematik“, sagte zitternd der Hauslehrer. „Königliche Hoheit, wenn Sie sechs Äpfel bekommen, und Sie sollten sie, nehmen wir einmal an, mit mir teilen, wie viele Äpfel blieben Ihnen dann?“
„Zwei“, sagte der Prinz ohne nachzudenken und kaute an einem Hamburger. Der Hauslehrer erschrak fürchterlich. Er hatte doch so leichte Fragen für den Prinzen vorbereitet und tagelang mit ihm die Antworten geübt. Und wenn der Prinz die Prüfung nicht bestand, würde der König natürlich ihn, den Hauslehrer, bestrafen. Es blieb ihm nur eine Rettung:
„Wunderbar!“ rief er aus. „In Ihrer königlichen Großzügigkeit würden Sie mir vier Äpfel überlassen und für sich selber nur zwei behalten. Aber nehmen wir nun einmal an, Sie sollten die sechs Äpfel gerecht teilen, wie viele würden Ihnen dann bleiben?“
„Vier“, sagte der Prinz ungerührt. Der Hauslehrer blickte schüchtern nach den Professoren, aber die starrten vor sich hin und bewegten keine Miene.
„Wunderbar, Königliche Hoheit. Selbstverständlich, da Sie Prinz sind und ich nur Hauslehrer, ist es nur gerecht, wenn Sie vier Äpfel bekommen und ich nur zwei. Aber, Königliche Hoheit, um nun auf den Kern meiner Frage zurückzukommen: Wie viel ist denn die Hälfte von sechs?“
„Zwei“, sagte der Prinz kauend. „Richtig!“ sagte der Hauslehrer, dem schon alles egal war. „Denn 6 dividiert durch 2 ist gleich 3, und wenn wir jetzt die Probe machen, so stellen wir fest, 3 geht in 6 zweimal, also haben wir als Ergebnis 2, also ist 2 die Hälfte von 6.“ Der Hauslehrer schwitzte vor Angst, aber niemand sagte etwas.
„Nun, Königliche Hoheit, wenden wir uns einer anderen Frage zu. Welches Tier mag sich wohl schneller fortbewegen, eine Brieftaube oder eine Kuh?“
„Eine Kuh“, sagte der Prinz und rülpste. „Richtig“, sagte der Hauslehrer verzweifelt, „wenn beide zu Fuß gehen, ist die Kuh natürlich erheblich schneller. - Nun, Königliche Hoheit, gestatten Sie mir die Frage: Wie viele Beine hat denn ein Pferd ?“
„Sechs“, sagte der Prinz, ohne mit der Wimper zu zucken.
„Richtig. Denn da ein Pferd zum Reiten da ist, müssen die Beine des Reiters natürlich dazugezählt werden, folglich hat ein Pferd sechs Beine. - Und nun, Königliche Hoheit, nennen Sie mir doch bitte irgendein Insekt.“
„Pferd“, sagte der Prinz und holte ein Stück Kuchen aus der Tasche.
„Richtig“, sagte der Hauslehrer, dem schon alles egal war. „Denn ein Insekt erkennt man daran, dass es sechs Beine hat, und da wir eben gesehen haben, dass ein Pferd sechs Beine hat, gehört es zu den Insekten.“
Der Hauslehrer wollte die Prüfung schon beenden, aber der König befahl durch einen Wink mit der Hand, die Prüfung fortzusetzen.
„Nun denn, Königliche Hoheit, erlauben Sie mir, Ihnen eine Frage aus der Geographie zu stellen. Sagen Sie mir doch, bitte: In welchem Land liegt die Hauptstadt von Frankreich?“ Der Prinz kaute an seinem Kuchen, tat so, als ob er nachdächte und sagte dann mit vollem Mund: „In London.“
„Richtig!“ rief der Hauslehrer aus, und weil er schon ganz schamlos geworden war, setzte er noch hinzu: „ Welch geistreiche Antwort! L'etat, c'est moi! hat der König von Frankreich gesagt, das ist französisch und heißt soviel wie: Frankreich, das bin ich! Und nun hält sich der König von Frankreich tatsächlich derzeit zu Besuch in London auf. Also ist Frankreich in London, und wenn Frankreich in London ist, dann ist auch seine Hauptstadt in London. Eine wahrhaft glänzende Antwort, Königliche Hoheit! - Und nun darf ich Ihnen noch die Frage stellen.. .“ Doch in diesem Moment unterbrach der König den Hauslehrer. „Die Prüfung ist beendet. Komm zu mir, mein Sohn!“
Der Prinz trat vor den König, und der König gab ihm eine Ohrfeige, dass dem Prinzen der Kuchen aus der Hand flog, und sagte: „Du bist ein Trottel !“
„Majestät“, stammelte der Hauslehrer, „ich wollte nur alleruntertänigst...“
Doch der König ließ ihn nicht weitersprechen. „Der Prinz ist ein Trottel, sagte er, „aber das bleibt unter uns. Sie werden ihn noch drei Jahre weiter unterrichten, bis er Doktor der Philosophie ist, dann kaufe ich ihm ein Schloss, und dort kann er Kuchen fressen, bis er platzt. Sie, Herr Professor, werden ab sofort.. .“
„Gnade!“ rief der Hauslehrer und fiel vor dem König auf die Knie.
„Rutschen Sie nicht auf dem Boden herum und unterbrechen Sie mich nicht! Sie werden ab sofort Minister für öffentliche Ausreden, und jedes Mal, wenn ich neue Steuern von meinen Untertanen verlangen oder einen Krieg anfangen will, werden Sie dem Volk erklären, warum das richtig ist und so sein muss. Sie sind der beste Lehrer, den ich je gesehen habe.“
Der Hauslehrer wurde also zum Minister für öffentliche Ausreden ernannt, der Prinz wurde nach drei Jahren zum Doktor der Philosophie (die Prüfung leitete natürlich wieder sein ehemaliger Hauslehrer) und bekam dann eine schöne, aber arme Prinzessin zur Frau. Die musste ihn nehmen, weil ihre Eltern nur ein ganz kleines Königreich hatten und sie froh sein konnte, dass sie überhaupt einen Prinzen kriegte. Bald darauf starb der alte König, und der Prinz wurde natürlich sein Nachfolger. Schnell verbreitete sich das Gerücht von seiner Dummheit unter den Leuten. Bei der Krönungsfeier hielt der Minister für öffentliche Ausreden folgende Ansprache: „Liebe Mitbürger! Große Freude erfüllt uns am heutigen Tag, da wir unseren neuen König begrüßen. Wir haben großes Glück, einen so weisen, gütigen Herrscher zu bekommen. Seine Weisheit ist so groß, dass wir gewöhnlichen Leute sie nur schwer erkennen können. Gewöhnliche Klugheit erkennen wir leicht, denn wenn einer nur wenig klüger ist als wir selbst, dann können wir ihn noch verstehen. Doch wenn einer viel, viel weiser ist als wir selbst, dann können ihn nur die Weisen ganz verstehen, die Dummköpfe aber werden ihn für einen Dummkopf halten.
Ich selbst habe die große Ehre gehabt, unseren jungen Herrscher von Kindheit an zu unterrichten. Und ich kann euch sagen, als kleiner Prinz war er ein Wunderkind. Er war mit sechs Jahren schon so klug wie heute.
Auf die einfachsten Fragen gab er mir Antworten, die so weise waren, dass ich die größte Mühe hatte, sie zu verstehen. Oft musste ich nächtelang nachdenken, bis ich herausfand, was er mit seinen Antworten meinte. Heute ist er Doktor der Philosophie, und selbst den Gelehrten an unseren Hochschulen fällt es schwer, unseren weisen Herrscher zu begreifen. Und so sage ich euch, es wird sich vieles ändern in unserem Lande, jetzt, wo wir einen so weisen Herrscher haben. Von jetzt an werdet ihr es ganz leicht haben, kluge Leute zu erkennen: Es sind die, welche die Weisheit unseres Herrschers begreifen. Und ihr werdet es auch ganz leicht haben, Dummköpfe zu erkennen: Es sind die, welche unseren weisen Herrscher für einen Dummkopf halten. Und eines muss klar sein: Wir können es nicht dulden, dass Dummköpfe als Lehrer unsere Kinder unterrichten, dass Dummköpfe Bücher oder Zeitungen schreiben, dass Dummköpfe als Bürgermeister unsere Städte und Dörfer regieren. Wir können es nicht dulden, dass Dummköpfe in unserem Land irgendeine wichtige, verantwortungsvolle Arbeit machen. Nur kluge Leute dürfen in Zukunft solche wichtigen Tätigkeiten ausüben, und ihr wisst nun, woran ihr von jetzt an die klugen Leute erkennen könnt !“
Und so geschah es auch. Wer beweisen konnte, dass ein Pferd sechs Beine hat, der durfte Lehrer werden. Wer beweisen konnte, dass ein Pferd immer so viele Beine hat, wie der König wünscht, der konnte Bürgermeister werden. Und wer beweisen konnte, dass das Volk umso fetter wird, je mehr der König frisst, der wurde Minister.
Und das Land bekam einen neuen Namen und wurde hinfort „Land der Weisheit“ genannt.
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Zum Schluss gibt's "Buchstabensuppe" mit Martin Auer und dem Krachorchester.
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